[Interview] Störsender
// June 20th, 2008 // Interviews, Serien
Nachdem der 'Störsender' Jörg Hesseler schon auf dem Weilburg Online Blog sieben Fragen gestellt wurden, wollte ich nun noch etwas nachhaken.
Dieses Interview soll den Auftakt zu einer Serie von Interviews werden, die in einem mehr oder minder regelmäßigen Zyklus veröffentlicht werden. Nun aber zum Interview:
Dann stell Dich bitte einmal kurz vor. Wie Du heißt, wie alt Du bist und woher Du kommst.
Jörg Hesseler, 30 Jahre jung und komme aus der "Weltstadt" Fussingen.
Du machst ja unter dem Namen 'Störsender' Musik. Wie bist Du auf den Namen gekommen?
Tja, der Name "Kompressor" war schon belegt, da musste ich mir was anderes überlegen. Der Name sollte ja auch was über meine Musik aussagen und da hat sich Störsender nur zu gut angeboten.
Was ist das eigentlich genau für eine Musik, die Du machst? Wie nennt sie sich und was ist für Dich das besondere an dieser Richtung?
Auch auf die Gefahr hin das ich wieder eine große Diskussion auslöse sage ich mal "Noise" und "Industrial". Die Musik ist sehr individuell und man hat keine musikalischen regeln zu befolgen. In der Musikrichtung ist alles erlaubt. Ich mache die Musik für mich weil es mir Spaß macht und wenn es nebenbei noch anderen gefällt umso besser wenn nicht auch egal.
Warum Diskussion? Ist die Szene geteilt, was diese Begriffe angeht?
Für die einen ist Industrial was anderes als es für mich ist. Du kannst 100 Leute fragen was für sie Industrial oder Noise ist und jeder sagt was anderes.
Ok, das ist wohl in anderen Musikrichtungen und Subkulturen ähnlich. Was ist denn für Dich der besondere Unterschied zu anderen Richtungen, z.B. EBM oder Techno. Für Jemanden, der die ganze elektronische Musik in einen Topf wirft, gibt es ja scheinbar keine Unterschiede.
Auch wenn meine Musik sehr techno-lastig ist kann man es mit dieser Richtung nicht vergleichen. Ich arbeite bei meiner Musik viel mit den Distortion- oder Overdrive-Effekten. Diese kommen bei Techno nicht so zum Einsatz. Techno klingt sauberer und steriler als Industrial. ich muss aber zugeben das ich früher auch Techno (Hardcore) gehört habe. Bei EBM ist der Aufbau der Tracks recht einfach gehalten, es kommt auch noch Gesang dazu. Es sind Drums und Snares enthalten ein paar Hi-hats und ein Synthpart.
Ich finde Musik ohne Gesang zu machen ist schwieriger als mit. Man muss den Track interessanter gestalten, dass man den Hörer für sich gewinnt.
Seit wann machst Du nun genau Musik und wie kamst Du darauf, selbst aktiv zu werden?
Ich mache Musik seit 2003. Warum ich angefangen habe ist eigentlich ganz lustig. Mir ist damals meine Grafikkarte abgeraucht und somit konnte ich keine "Ballerspiele" mehr spielen. Ich hab mir eine 0815 Karte von einem Freund geliehen, damit ich überhaupt den Rechner nutzen konnte. Spiele zu spielen konnte ich mit dieser Karte jedoch vergessen, so hab ich mich ein wenig mit Musiksoftware beschäftigt und so kam das Ganze. Hab noch eine Weile mit der Software experimentiert, hab dann aber zur Hardware gewechselt weil ich lieber die Regler in der Hand habe als die Maus zu schubsen.
Könntest Du Dir denn evtl. vorstellen, mit Musik Geld zu verdienen. Entweder Neben- oder vllt. sogar hauptberuflich?
Vorstellen schon, aber das ist bei der Musikrichtung nicht möglich. Mehr als ein kleines Taschengeld ist da nicht drin.
Demnach scheint die Szene nicht besonders groß zu sein. Wie würdest Du die Szene beschreiben oder charakterisieren?
Viele Leute denken, dass die Anhänger der "schwarzen Szene" deprimiert herumlaufen und Hühnern die Köpfe abbeißen, aber dem ist nicht so. Ich habe noch nie so eine friedliche Gemeinschaft erlebt. Schlägereien sind dort ein Fremdwort. Ich finde aber das man in der Szene sehr schlecht Leute kennenlernt. Im Osten ist es einfacher als hier in Hessen. Die sind "drüben" irgendwie offener.
Du sprichst vom 'Osten'. Konntest Du die Szene dort schon mal besser kennenlernen?
Ja, ich fahre schon seit einigen Jahren auf das Elektroanschlagfestival nach Altenburg. Dort kommt man sehr schnell untereinander ins Gespräch. Auch wenn man sich nur ein- oder zweimal im Jahr trifft, ist es so als ob man sich jedes Wochenende sieht. Man knüpft da an, wo man vor Monaten aufgehört hat. Hier ist es leider anders. Es kommt oft nur zum Smalltalk und beim nächsten Treffen kennt man sich nicht mehr.
Hast Du Deine Freundin auch auf einer der Veranstaltungen kennengelernt?
Nein, die hab ich mir im Internet "bestellt". Ich hab sie in einem Szenen-Forum kennen gelernt.
Demnach hört sie also die gleiche Musik wie Du. Ist wohl auch für beide Seiten angenehmer, wenn man die gleiche 'Leidenschaft' teilt.
Was sind denn außer Musik sonst noch so deine Hobbies und was machst Du gerne?
Ja, sie hört die selbe Richtung, aber mehr EBM. Wäre ja auch schlimm wenn sie HipHop oder so was in der Art hören würde. Ein weiteres großes Hobby von mir ist Terraristik. Ich hab 16 Vogelspinnen hinter mir sitzen. Um meinen müden, alten Körper in Schwung zu halten, fahre ich neuerdings Mountainbike.
Gut, ich sehe, in Bezug auf HipHop haben wir die gleiche Einstellung. Terraristik ist ja nun ein etwas ausgefalleneres Hobby, insbesondere wahrscheinlich, wenn es um Vogelspinnen geht. Wie bist Du darauf gekommen und was fesselt Dich so an diesen Tieren?
Ich hab als kleines Kind schon immer spinnen in irgendwelchen Behältern gesammelt. Spinnen sind Tiere die unterschätzt und leider auch zu oft verachtet werden. Für die meisten sind es Tiere die unter irgendeiner Tageszeitung ihr Ende finden. Ich finde bemerkenswert, wie genügsam die Tiere doch sind. Sie kommen Wochenlang ohne Futter aus. Sie strahlen außerdem eine ruhige Art aus, nur wenn es um Futter geht werden sie sehr schnell. Da jede Spinne anders vom Wesen ist, war es bei mir klar, dass es nicht bei einer Vogelspinne bleibt. Man muss sich aber vorher unbedingt genug Fachwissen anlesen. Nichts ist schlimmer als ein Tier zu halten, von dem man keine Ahnung hat. Aber es darf ja auch jeder ohne genug Wissen und Verantwortungsgefühl Kinder in die Welt setzen.
Da hast Du wohl Recht. Du sprichst Kinder an. Wie sieht es denn bei Dir aus? Irgendwas in Planung und wenn ja, weiß Deine Partnerin schon davon?
Nein, es ist nichts in der Hinsicht geplant. Obwohl so ein kleiner "Jörg" hätte was.
Ok, davon bin ich überzeugt.
Wie sieht es denn beruflich bei Dir aus? Was hast Du gelernt und was machst Du zur Zeit?
Ich hab Energieelektroniker gelernt, Fachrichtung Anlagentechnik, war "zwischendurch" für acht Jahre bei der Bundeswehr in der Panzertruppe, war dort als Ausbilder tätig. Bin jetzt kurz vor meinem Abschluss als Computersystem- und Netzwerktechniker.
Erzähl doch mal, wo Du Deinen Techniker machst und was man dort so lernt.
Ich bin auf der staatlichen Technikerschule Weilburg. Es ist eine schulische Ausbildung und dauert 2 Jahre. Man bekommt dort die grundlegenden Bereiche des Berufs näher gebracht. Es ist von Nachteil das in einer Klasse Schüler mit Vorkenntnissen in dem Beruf sind z.B. Fachinformatiker und welche ohne, die vorher in der Elektroindustrie gearbeitet haben. Es wäre besser zwei Klassen daraus zu machen, so kann man besser auf die einzelnen Personen eingehen. Sie Schüler mit Vorkenntnissen könnten so viel tiefer in die Materie eingehen und die anderen könnten leichter auf einen einheitlichen Wissensstand gebracht werden.
Hätte ich gewusst wie es an der schule läuft, hätte ich mich für eine andere Bildungsstätte entschieden.
Du scheinst ja nicht sonderlich begeistert zu sein. Gibt es noch mehr, was Dir an der Einrichtung nicht gefällt?
Es müssten mehr Absprachen mit Firmen getroffen werden, um zu erfahren was auf dem Arbeitsmarkt für Wissen nötig ist. Es wurde am Anfang der Schulzeit zu viel versprochen/angeboten aber nicht eingehalten. Es ist ja schön, das Kurse im Windowsbereich angeboten werden, aber dann sollten die Lehrkräfte auch dafür ausgebildet sein. Ist alles recht halbherzig gelaufen dort. Am Anfang wird auch noch einem mitgeteilt, was alles passiert, wenn man die Schule nicht so ernst nimmt, z.B. Anwesenheit usw. Es passiert NICHTS. Diese Schüler werden einfach mit ihren Noten nach oben korrigiert, damit der Schnitt der Schule nicht leidet. Bei mir ist 2 mal 6 durch 2 gleich 6 und nicht 4-. Diejenigen die sich Mühe geben und regelmäßig am Unterricht teilnehmen, werden so noch gestraft (ich zähle mich auch dazu). Man hat ja auch Vorteile durch das viele Fehlen, so hat man z.B. mehr zeit zum Lernen für eine Klausur oder man macht einfach ein Referat und alles ist wieder gut. Alleine aus solchen Gründen hat die schule den Titel "Academy" nicht verdient. Das ist aber nur meine persönliche Meinung und nicht zu verallgemeinern.
Die Schule bietet ja auch die Möglichkeit an, den technischen Betriebswirt in nur einem Semester zu machen. Nimmst Du diese Möglichkeit wahr?
Hätte ich gerne gemacht, aber die Plätze sind leider begrenzt. Das ganze lief über ein Losverfahren und beim Losen hatte ich noch nie Glück. Es sollte jeder die Möglichkeit bekommen diese Ausbildung zu machen. Wäre ja auch förderlich für die Schule.
Ich kann Dir nur zustimmen. Gibt es denn für Dich auch positive Seiten an der Schule?
Die Klassengemeinschaft hat mir sehr gut gefallen. Das Beste an der Schulzeit war die Projektarbeit. Dort habe ich am meisten gelernt. Jede Gruppe ist für ihr Projekt verantwortlich und so ist es klar, dass man sich in dem Fall besonders große Mühe gibt. Es ist auch endlich mal ein praktischer Teil der sehr berufsnah ist. Man musste sich für das Projekt viele Themengebiete selbst aneignen, um dieses erfolgreich zu beenden. Klar ist auch, das einige Unterrichtsthemen vor der Projektarbeit gelaufen sein müssen, um der Aufgabe gewachsen zu sein und das wurde an der Schule gut umgesetzt.
Dann hatte die Zeit ja wenigstens nicht nur ihre schlechten Seiten. Wie siehst Du die Berufsaussichten nach einem erfolgreichen Abschluss als Techniker?
Für diejenigen mit beruflichen Vorkenntnissen sehr gut. Die anderen haben es da schon schwerer. Bei mir kommt mein Alter und die Bundeswehrzeit hinzu. Einige Firmenchefs wollen keine Mitarbeiter die so lange bei der Bundeswehr waren. Die Firmen müssen den angehenden Technikern die Chance geben ihr Können zu zeigen. Es gibt halt keinen 20 jährigen Studierten mit 5 Jahren Berufserfahrung.
Was wünscht Du Dir für die Zukunft?
Klingt zwar abgedroschen und spießig, aber ich wünsche mir Gesundheit, Zufriedenheit und Erfolg im Berufsleben, sowie ein erlebnisreiches Privatleben. Und wenn sie nicht gestorben sind dann...
Dann danke ich Dir für das Interview und wünsche Dir alles soeben Genannte. Möchtest Du noch irgendetwas loswerden oder Dich mit einem letzten Statement in die Gedanken der Leser brennen?


